Andachten aus Bibel AnDenken

Die Reihe "Bibel AnDenken" erscheint in gemeinsamer Herausgeberschaft der aej mit der Konferenz der Landesjugendpfarrerinnen und Landesjugendpfarrer in der Bundesrepublik Deutschland. Sie bietet Andachtsentwürfe, Materialien für Gruppenstunden und Freizeiten, Lieder, Informationen zur Jahreslosung und Monatssprüchen.

Cover BA 2021
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April 2021
Christus ist Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung. Kol 1,15

Bevor wir miteinander loslegen, diskutieren oder ein Geländespiel starten, singen wir miteinander. Singen gehört dazu. Und beim Singen gehören wir dazu – unabhängig von der Qualität des Gesangs. Musik wirkt subkutan, geht unter die Haut. Es ist nicht der Text, es ist die Melodie, die uns einschwingen lässt – wer hat nicht schon kräftig bei Kölschrock von BAP oder Brings mitgegrölt und – zumindest anfangs – so gut wie nichts verstanden. Lieder verbinden jenseits von Sprache und Worten. Als die Frontsoldaten Heiligabend 1914 die jeweiligen Feinde »Stille Nacht« haben singen hören, da sind die meisten erst vorsichtig, dann aber immer beherzter auf die anderen zugegangen, und man hat gemeinsam gesungen und Weihnachten gefeiert. Nach dem Weihnachtsfest gelang es den Offizieren nur mit Androhung von Gewalt und Kriegsgericht die jungen Männer wieder zum Kämpfen zu bewegen.

Vermutlich wurden die Hymnen des Neuen Testaments eher rhythmisch gesprochen denn in unserem Sinn gesungen, eher dem Skandieren von Stadionhymnen ähnelnd denn dem Singen von Chorälen, auf jeden Fall kurz und einprägsam, um es schnell auswendig »mitsingen« zu können, learning by heart. Lieder, Hymnen allzumal, bringen nicht nur Menschen zusammen, sie grenzen auch Gruppen voneinander ab. Das ist unsere Hymne, das ist eure. Dazu stehe ich und nicht zu etwas anderem.

Mit der Hymne am Anfang des Kolosserbriefes zeigt Paulus bzw. der Verfasser des Briefes, wo er steht, was ihn mit vielen Christ*innen in Kolossae verbindet. Erst danach kommt er zur Sache:
"Ich will euch nämlich wissen lassen, welchen Kampf ich um euch führe, […] zu erkennen das Geheimnis Gottes, das Christus ist, in welchem verborgen liegen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis." (Kol 2,1–3)
Die Christushymne wird damit zum Kampflied. Es geht um nichts weniger als um das rechte Verständnis und den Kern christlichen Glaubens. Es geht um Christus selbst.

Der Schlüssel zum Geheimnis des Jesus von Nazareth wird hier, ganz ähnlich wie beim Evangelisten Johannes, nicht in einer Geschichte gesucht wie bei Matthäus und Lukas, nicht in der Jungfräulichkeit Marias und auch nicht im geweissagten Geburtsort Bethlehem. Stattdessen nimmt dieses Lied aus dem Vorstellungskreis des damaligen Judentums die Personifizierung göttlicher Funktionen und Attribute auf. Christus ist nicht eines von vielen Himmelswesen, sondern das Ebenbild Gottes. Er ist nicht nur der »Erstgeborene der Schöpfung«, sondern in ihm und durch ihn ist alles geschaffen. Die spannende theologische Frage, die damit in die Welt kam, lautet: Wie sind diese Attribute Gottes aufeinander bezogen und wie kommunizieren sie miteinander?

Die Antwort, die die Theologie einige hundert Jahre später gefunden hat, lautet: Sie haben wechselseitig Teilhabe aneinander, der Schöpfer (Gott Vater), der Erlöser (Gott Sohn) und der Tröster (Gott Hl. Geist). Wenn der eine ›Teil‹ der Gottheit gerade ›etwas macht‹, dann sind die anderen auch immer mit von der Partie und dabei. Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist lassen sich deshalb auch nicht so voneinander abgrenzen, wie es unsere Sprache nahelegt. Manchem mögen diese Gedanken im ersten Moment als spekulative Theologie erscheinen, sie führen aber zu ganz neuen Perspek- tiven und Sichtweisen. Martin Luthers radikale Kreuzestheologie geht auf diese Denkfigur zurück: Jesus Christus litt und starb. Jesus Christus ist Gott. Deshalb hat Gott gelitten und ist gestorben. So hat er auch keine Probleme damit in dem Weihnachtlied "Lobt Gott ihr Christen alle gleich" das Kind in der Krippe gleichzeitig als "den Schöpfer aller Ding" zu besingen. Um es ein wenig flapsig zu formulieren: Gott gibt es im Christentum nur als ›Dreierpack‹! Und es sind die Hymnen des Neuen Testaments – der Johannesprolog (Joh 1,1–14), der Philipperhymnus (Phil 2,5–11) und eben das Christuslied im Kolosserbrief (Kol 1,15–20) – die das jeweils in ihrer Sprache zum Ausdruck bringen.

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